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Pflanzen kollektiv denken – über mimetisches Wachstum

Autor*in
Stefanie Johns
Datum
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Künstlerische Arbeit

Growth Assembly (2009) von Alexandra Daisy Ginsberg und Sascha Pohflepp https://www.daisyginsberg.com/work/growth-assembly

Steigende Energiepreise sind seit Jahren immer wieder Symptom unterschiedlicher geopolitischer und ökologischer Krisen. Alexandra Daisy Ginsberg und Sascha Pohflepp nehmen mit Growth Assembly (2009) die um ein vielfaches gestiegenen Energiepreise zum Anlass, einen spekulativen Blick aus der Zukunft auf die Gegenwart zu richten. Das mittels einer Videoarbeit und Zeichnungen von Siôn Ap Tomos entworfene Szenario konfrontiert uns mit dem Gedanken, dass der globale Warentransport zum Erliegen gekommen ist. Um den daraus resultierenden Problemen etwas entgegenzusetzen, dient nun synthetische Biologie als Mittel, Gebrauchsgegenstände lokal zu produzieren. Dabei wachsen genmodifizierte Pflanzen einzelne Konsumgüter, Werkzeuge oder Produktteile aus, die anschließend zusammengefügt und genutzt werden können. Diese neuen Herstellungspraxen folgen anderen Produktionsregimen und brechen bestehende Vorstellungen von Wachstum. Sie orientieren sich an der Zeit des Pflanzenwachstums und etablieren damit ein langsames Wachstum. Dieses kennzeichnet eine inhärente Vulnerabilität und Weichheit.

Der in Growth Assembly simulierte Eingriff, in globale und industriell verankerte Produktionsprozesse, kann dazu anregen alternative Orientierungen der Ökonomie, der Sorge und der Nachhaltigkeit in Betracht zu ziehen. Pflanzen und Technik werden hier zu gemeinsamen Agenten. Ihr primäres Ziel der eigenen Reproduktion wird jedoch vorranging menschlichen Bedürfnissen untergeordnet.

Verstehen wir Pflanzen als lebende Wesen mit einer eigenen Perspektive auf Welt (Gümüşay 2023: 18), welches andere Verhältnis von Menschen, Natur und Technik wird dann in dem erdachten Szenario von Growth Assembly vorgestellt und wie verschiebt es bestehende Vorstellungen?

Welche Aspekte des Kunstwerks können für Kinder und Jugendliche interessant sein?

Growth Assembly erzählt eine andere Zukunft im Kontext der Klimakrise, die sich nicht dystopischen Narrativen oder Bildern hingibt, sondern alternative Verhältnisse von Menschen, Natur und Technik sucht. Dabei werden produktive und im besten Falle verantwortungsvolle Möglichkeiten des Miteinanders befragt. Mit dem veränderten Produktionsnarrativ wird auch die Reflexion von Konsum, Ausbeutung und globalen Abhängigkeiten thematisch. Menschen machen sich die Natur im skizzierten Szenario zunutze, wissen gleichzeitig aber um ihre ko-evolutionäre Beziehung mit Natur und Technik, ohne die ihr Leben nicht möglich wäre. Die Produktion neuer Waren und ihr Konsum setzen zunächst lokale Koordination, Geduld und Fürsorge voraus und sind an langfristige Planung und Ressourcenschonung gebunden. Diese Aspekte sind nicht erst angesichts der Klimakrise interessant, drängen sich jedoch zunehmend auf und verlangen nach hoffnungsvollen Ideen und Visionen. Growth Assembly regt im Weiteren dazu an, selbst Szenarien zu entwickeln, die alternative Weisen des Zusammenlebens mit anderen Lebewesen und Dingen in Betracht ziehen. Dabei berührt die Arbeit auf spezifische Weise Konsum, Wachstum und Ressourcen, als relevante Motoren der Klimakrise. Praxen des Erfindens von Kunst aus können zeigen, wie spekulative und fiktive Entwürfe entstehen, die unser Leben maßgeblich verändern können.

Wie kann das Kunstwerk Reflexion und Transformation von Zukünften anregen?

Im spekulativem Modus eines möglichen Morgen, können aktuelle Bedingungen und Krisen reflexiv betrachtet werden. Aktuelle gesellschaftspolitische und kulturelle Situationen sowie Verhältnisse zu befragen, um andere Perspektiven oder Ideen zu generieren, kann neue gedankliche Zugänge öffnen: Was wäre gewesen, wenn wir damals (also heute) an alternativen ökonomischen Modellen, Formen des Miteinanders, der komplexen Beziehung von Menschen und Natur mitgewirkt hätten? Welche Schritte hätten wir (anders) gehen können? Was wäre (un)möglich gewesen? Wie hätte eine solch zeitdiagnostische Haltung entwickelt werden können? Was können wir heute tun, um in eine wünschenswerte Zukunft zu gelangen?

Auf welche Weise können durch die künstlerische Arbeit ästhetische Erfahrungen initiiert werden?

Ausgehend von der Videoarbeit Growth Assembly können Kinder und Jugendliche selbst hybride Technik-Pflanzen-Objekte bspw. zeichnerisch herstellen oder eigene Zukunftsszenarien materialisieren, die andere Verhältnisse von Natur und Technik vorschlagen.

Kunstdidaktische Impulse

  • Beobachte Pflanzen in deiner Umgebung, im Innen- und Außenraum. Welche Gedanken kommen dir? Notiere, schreibe und zeichne, was dir einfällt. An was erinnern dich die Pflanzen? Welche Dinge passen für dich zu den Pflanzen? Woran erinnern dich die Formen? Probiere mit Vergrößerungen oder Verkleinerungen zu experimentieren. Welche Bilder oder Strukturen entstehen?

  • Wie wäre es, einen Ausflug in einen Garten, eine Gärtnerei oder Baumschule zu machen, um dort für dich interessante Pflanzen und Pflanzenteile zu fotografieren? Wenn du magst, kannst du mit deinen Fotos eine Sammlung anlegen, diese arrangieren und Ordnungen (er)finden. Oder wie wäre es, einzelne Teile aus den Fotos auszuschneiden und einzelne Pflanzen(teile) miteinander zu kombinieren? Vielleicht ist auch eine Idee, deine Fotos zu Collagen zusammenzufügen? Spannend könnte dabei sein, deine Ideen um die Fotos herum oder direkt auf die Fotos zu zeichnen.

  • Wir teilen den Planeten mit einer Vielzahl an Pflanzen und Organismen. Welche Bedeutung haben Pflanzen für dich? Stelle dir vor, wie es wäre, eine bestimmte Pflanze gehörte zu deiner Familie: Was würde sich in deinem Leben dadurch ändern?

  • Spannend sind auch die unterschiedlichen Bedeutungen von Pflanzen in anderen Kulturen. Wenn du magst, recherchiere dazu.


Buchtipp

Anna Lowenhaupt Tsing (2018): Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-pilz-am-ende-der-welt.html


Literatur

Gümüşay, Kübra (2023): unlearn sprache. In: Jaspers, Lisa/Ryland, Naomi/Horch, Silvie (Hg.): Unlearn Patriarchy. 8. Aufl. Berlin: Ullstein, 17-35.


Zitation

Johns, Stefanie (2023). Pflanzen kollektiv denken – über mimetisches Wachstum. KLIMA. KUNST. BILDUNG., herausgegeben von Kirsten Winderlich und Stefanie Johns. [letzter Zugriff: 18.07.2024]; https://klimakunstbildung.com/artikel/pflanzen-kollektiv-denken-uber-mimetisches-wachstum


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