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Folgelandschaften – wie verändern sie unseren Blick auf die Natur?

Autor*in
Catharina Jochum
Datum
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Künstlerische Arbeit

Saline Operations (2025) von Viktor Brim, Videoinstallation mit 4-Kanal-Tonspur
https://viktorbrim.com/works/saline-operations/

Ein durchdringend dröhnendes Geräusch empfängt mich, während ich in einen leicht düsteren Ausstellungsraum eintrete, der in grünes Licht getaucht ist. Die liegenden, stehenden wie hängenden Bildschirme leuchten intensiv, sodass ein kontrastreiches Farbspiel entsteht. Es wirkt irreal, digital – fast extraterrestrisch. Die mehrkanalige Videoinstallation umfängt mich mit Farbe, Bild und Ton; fast greifbar materialisiert sich die ästhetische Qualität der Video- und Raumarbeit. Die langsamen Schnitte, die fast statisch wirkenden Bilder und die unterschiedlichen perspektivischen Dimensionen: Drohnenbilder aus der Vogelperspektive, Panoramabilder, Makroaufnahmen der Erdoberfläche und Strukturdarstellungen eines NDVI-Filters stoßen eine reflexive Rezeptionssituation an. Wie Puzzelstücke versuche ich die verschiedenen Perspektiven in einen raumzeitlichen Zusammenhang zu bringen. Ein wiederholter Abgleich zwischen den unterschiedlichen Bildsequenzen und maschinell verarbeiteten Strukturbildern regt Überlegungen zu Kausalität, Algorithmen und Narrationen an.

Der Künstler und Filmemacher Viktor Brim, geboren in Tashkent (Usbekistan), betrachtet durch seine Videoinstallation die Gewinnung von Solarsalzen in der Mojave-Wüste im Südwesten der USA analytisch-forschend. Dieses Salz ist das Ergebnis des Verdunstungszyklus sowie der klimatischen Bedingungen und wird als Wärmeträger und Speichermedium für Strom eingesetzt.

In den geologischen Schichten der trockengefallenen Salzseen sind die Einwirkungen des Klimas von Millionen von Jahren ablesbar. In der Videoarbeit werden die extraktivistischen Praktiken der Menschheit in ihrer exorbitanten Dimension greifbar, konkret: Der Abbau von Salz, einem der ältesten Rohstoffe der Menschheit, das seit Jahrtausenden verwendet wird sowie die vergleichsweise junge Gewinnung von Solarenergie. Das riesige Solarprojekt in der Mojave-Wüste ist eines der teuersten Ökoenergieprojekte der US-Geschichte. Die von Viktor Brim in seiner künstlerischen Arbeit fokussierte Landschaft zeugt von der physischen Manifestation industrieller Interessen und Machtstrukturen mit ihren territorialen Fest- und Zuschreibungen. Er konzentriert sich in seiner Arbeit darauf, die Spuren und Folgeerscheinungen dieser menschlichen Aktivitäten zu erkunden, die in Sedimenten, Gesteinsschichten und chemischen Verbindungen Gestalt annehmen und sich über lange Zeiträume erstrecken.

Welche Aspekte des Kunstwerks können für Kinder und Jugendliche interessant sein?

Der Blick, den Victor Brim mit seiner Videoinstallation auf die von klimatischen und industriellen Einwirkungen gezeichnete Wüstenlandschaft wirft, erinnert an eine digitale Gaming-Welt und stellt eine Distanz zur unwirklich anmutenden Wirklichkeit her. Die laborartige, analytisch-forschende Betrachtung und die extraterrestrisch wirkenden Anlagen und Technologien erzeugen eine Blickperspektive von außen. Die datenbasierten Bilder des eingesetzten NDVI-Filters – ein optischer Filter der Bilddaten lesen und messen kann – veranschaulichen zudem unsichtbare tektonische, chemische, biologische und meteorologische Strukturen. Sie bringen den Zustand von Vegetationszonen sowie die von Menschen geschaffenen Infrastrukturen zum Erscheinen und regen damit einen anderen Blick auf die ›Natürlichkeit‹ der Natur an. Was aber ist ›natürliche‹ und was ›kultivierte‹ Landschaft? Wie haben Menschen auf die sogenannte ›Natur‹ eingewirkt, sie überformt und geprägt?

Auch in unserem Alltag, unserer unmittelbaren Umgebung, stellt sich die Frage nach extraktivistischen Prozessen, insbesondere dann, wenn unser Blick auf die zahlreichen Abraumhalden und Tagebaurestlöcher in Deutschland fällt, die ganze Bergbaufolgelandschaften entstehen lassen. Wie blicken wir auf Hochplateaus, Tafelberge und Seenlandschaften im Ruhrgebiet, Mansfelder Land und der Lausitz? Wie verändert sich unser Blick auf ›natürliche‹ Landschaften, wenn wir sie als Folgelandschaften wahrnehmen?

Wo fängt Science-Fiction an, wenn die extraterrestrisch wirkenden Technologien und die maschinell aufgenommenen und algorithmisch verarbeiteten Datensätze als Landschaften sichtbar werden? Der künstlerisch-forschende Ansatz von Victor Brim bietet das Potential hypothetische Zukünfte zwischen hoffnungsvoller Vision einer beachteten Welt und technologischer Überwachung dieser zu entwickeln. Wie verändert sich unser Blick durch dieses datenbasierte Sehen?

Wie reflektiert die Arbeit die eigene Vergänglichkeit und Verantwortung?

Auf der einen Seite zeigt die Arbeit Viktor Brims die Vergänglichkeit der menschlichen und technologischen Lebensspanne, der wir alle unterworfen sind. Andererseits verweist Victor Brims operative Betrachtung aber auch auf die fragile ökologische Tragfähigkeit des Systems Erde, welche durch Faktoren wie Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung, Klimawandel und Biodiversitätsverlust bestimmt wird. Welche natürlichen Prozesse und Rohstoffe machen sich Menschen zunutze und zu welchem Preis? Die Einteilung in nutzbare Landschaften überdauert oft Generationen und vermischt sich mit geologischen Prozessen. Dadurch drängt sich eine hegemoniekritische Lesart auf, in der soziale, politische und ökologische Debatten um die Nutzung und Gestaltung der Erde miteinander verschränkt sind. Entsprechend macht die künstlerische Arbeit Viktor Brims auf die zu wenig bewussten ökonomischen und ökologischen Verflechtungen unserer Gegenwart aufmerksam und antizipiert einen Blick auf mögliche Zukünfte (vgl. Ohls, 2024, 68). Vor diesem Hintergrund kann die Entwicklung von utopischen und dystopischen Szenarien eine sinnstiftende Struktur bieten, um komplexe ökonomischen, ökologischen technologische und soziale Themen in einer abstrahierten Form zu befragen.

Welche medienspezifische Perspektive eröffnet die Arbeit?

Die mehrkanalige Videoinstallation erzeugt ein laborartiges räumliches Setting, welches durch die Anordnungen der verschiedenen Bildschirme – angelehnt an ein kartesisches Koordinatensystem –, die intensive grüne Beleuchtung und die als ›dröhnend‹ wahrnehmbare Tonspur verstärkt wird. Durch die Kombination des analytisch-forschenden künstlerischen Zugriffs wie der potenziellen leib-sinnlichen Rezeption der Videoinstallation, zeigt sich die Materialität der Landschaft, die über lange Zeiträume hinweg von Menschen und Klima verformt und umgestaltet wurde, in unerwarteter Dimension. Der Ort wird in seiner Materialität und atmosphärischen Wirkung greifbar. Seine Arbeitsweise, die die Verbindung von szenischen Elementen und dokumentarischen Ansätzen im Film umfasst, beschreibt Victor Brim wie folgt:

»Mir ist es dabei ein Anliegen, filmische Herangehensweisen aus dem fiktionalen Bereich auf die Gegenwart zu übertragen, sodass diese zugleich als ein Konstrukt oder als Teil einer fortwährenden Geschichte erscheint.« (Ohls, 2024, 75).

Zudem wird durch die aufgenommenen NDVI-Bilder noch ein dritter, ein technischer Blick deutlich: die Landschaft als Datensatz. Die Wüste wird nicht nur als Landschaft sichtbar, sondern als operatives System, als Landschaft die berechnet wird: ein Gebiet, das gleichzeitig als physische Geografie und algorithmisches Modell existiert, in dem Messung und Phänomen untrennbar miteinander verbunden sind (vgl. Brim 2025).

Victor Brim schließt damit an die medientheoretische Arbeit des Filmemachers Harun Farocki und sein Konzept der operativen Bilder an. Demnach sind diese Bilder nicht dazu da, vom menschlichen Auge gesehen zu werden und ein Objekt zu repräsentieren, sondern als Teil einer mathematisch-technischen Operation Funktionen zu erfüllen – Satelliten berechnen Mineralkonzentrationen, Algorithmen verfolgen Verdunstungsraten und die Umweltüberwachung steuert die Förderlogiken ganzer Landstriche (vgl. ebd.).

Dieser künstlerisch-forschende Zugang, wie er auch für den Kunstunterricht fruchtbar gemacht werden kann, wird in der Arbeit von Victor Brim anschaulich deutlich.

Kunstdidaktische Impulse

  • Betrachte deine Umgebung und suche nach Veränderungen von Natur und Landschaft, die ›durch Menschen‹ beeinflusst sind. Wie werden Landschaften genutzt und geformt?

  • Du kannst dabei in kleinen Dimensionen denken: beispielsweise Trampelpfade im städtischen Park untersuchen oder Bäume und Hecken beobachten, die in eine bestimmte Form gebracht werden, oder aber du kannst große Baggerseen und angelegte Gärten betrachten. Wo findest du Spuren? Wie zeigt sich die Nutzung und Formung? Dokumentiere sie mit Stift und Papier oder mit deinem Handy.

  • Spreche ältere Menschen in deiner Umgebung an. Frage sie, wie es hier früher in ihrer Kindheit und Jugendzeit ausgesehen hat. Was hat sich verändert? Bedauern oder begrüßen sie die Veränderung? Du kannst auch ein richtiges Interview führen, dir zuvor genaue Fragen überlegen und einen Text darüber in der Schulzeitung eurer Schule veröffentlichen.

  • Vergleiche eine ältere Karte mit einer aktuellen Karte deiner Region oder deines Stadtteils. Vielleicht recherchierst du im Stadtarchiv oder der Bibliothek. Wie haben Menschen gestaltend eingegriffen? Wurden beispielsweise Straßenführungen verändert, brachliegende Räume bebaut oder Flussläufe begradigt? Überlege dir die Gründe für die Eingriffe. Zeichne eine Karte, die diese Veränderungen zeigen.

  • Stelle dir vor, du machst eine Zeitreise in die Zukunft. Wie sieht unser Planet aus, wenn wir alle natürlichen Rohstoffe nutzbar gemacht haben? Überlege dir welche anderen Rohstoffe nutzbar gemacht werden könnten, durch Recycling oder Wiederverwendung?


Literatur

Brim, Victor (2025): saline operations. In: https://viktorbrim.com/works/saline-operations/ [13.03.2026]

Ohls, H. (2024): Dark Matter: Interview mit Viktor Brim. Ohls, Hauke; Mersmann, Birgit (Hg.): Kritik Des Neo-Extraktivismus in Der Kunst Der Gegenwart. Lüneburg: Meson Press, S. 67-78. 


Zitation

Jochum, Catharina (2026). Folgelandschaften – wie verändern sie unseren Blick auf die Natur?. KLIMA. KUNST. BILDUNG., herausgegeben von Kirsten Winderlich und Stefanie Johns. [letzter Zugriff: 08.06.2026]; https://klimakunstbildung.com/artikel/folgelandschaften-wie-verandern-sie-unseren-blick-auf-die-natur


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